Jugendbücher

Eine ehrliche Meinung über die Selection Buchreihe

21. Juli 2018
Cover von Band 1 der Selection Reihe

Band 1: Selection (Bildquelle)

Sehen wir es ein: völlig neue Buchkonzepte zu finden ist heutzutage kaum noch möglich. Alles erinnert irgendwie an etwas anderes – ein Grund, warum bei uns in jeder Rezension ein „Erinnert an“ zu finden ist. Auch jede erdenkliche Liebesgeschichte wurde schon hunderte Male erzählt. Sie: arm, charismatisch, selbstlos. Er: ein Prinz, bedacht, romantisch. Mal ist es Liebe auf den ersten Blick, mal eine langsame Entwicklung. Auch immer wieder zu finden: der zweite Love Interest, der um die Gunst des Mädchens buhlt. Und obwohl wir das alles schon hundertmal gelesen haben, gibt es immer wieder Bücher, die so besonders sind, dass auch das hundertunderste Lesen hier noch Spaß macht.

Und dann gibt es Bücher wie die Selection Reihe. Bei denen ich mir viel erhofft hatte, aber durchweg enttäuscht wurde.

Aber beginnen wir einmal vorne.

Ich habe übrigens alle Selection Bücher als englische Hörbücher gehört. Da ich bei Overdrive angemeldet bin, war das für mich kostenlos – sonst hätte ich wahrscheinlich nach Band 2 aufgehört, weiterzuhören.

Als Warnung vorweg: es folgen Spoiler für Selection Bände 1 bis 3. Über die Bände 4 und 5 hätte ich auch einiges zu sagen, das würde hier aber den Rahmen sprengen. 

Den ersten Band, Selection, habe ich noch gar nicht so schlecht empfunden. Auf Goodreads bekam er von mir 4 von 5 Sternen. Es war wie der Bachelor: 34 Mädchen treten an um die Auserwählte eines Mannes zu werden. In diesem Fall ist der Mann ein Prinz. Der Leser erfährt, dass das frühere Territorium von Amerika nun eine Monarchie ist und die Bevölkerung ähnlich wie in China in Kasten unterteilt ist. Die Kasten sind nummeriert von Eins (die Königsfamilie) bis Sechs („minderwertige“ Berufe deren Familien am Hungertuch nagen).

Murica

Die Protagonistin heißt America. Dafür gibt es zwar einen Grund, aber ganz ehrlich – America? War Patriot zu männlich und Liberty schon vergeben? Auch der Spitzname „Mer“ hat bei mir nur Augenzucken verursacht. Sie ist Musikerin und eine Fünf. Das bedeutet, ihre Familie hat kaum Geld zur Verfügung. Ein bisschen wirkt es wie bei Stolz und Vorurteil, denn die Familien hoffen ständig, dass ihre Kinder in höhere Kasten heiraten und ein besseres Leben haben werden. America will das nicht, denn sie ist mit Aspen zusammen, der in Kaste Sechs ist, also noch schlechter gestellt.

Als der König zur Selection – benanntem Bachelor-Wettbewerb – aufruft, beendet Aspen die Beziehung und redet America ein, sie soll sich zur Selection anmelden. Sie tut dies und wird ausgewählt. So weit so gut. Beim Abschied hat man sogar das Gefühl, Aspen hat bereits eine andere Freundin. Meine Reaktion war eher so ein Egal-Schulterzucken, denn Aspen war so blass und langweilig wie ungetoastetes Toastbrot.

Dann lernen wir Prinz Maxon kennen – der ehrlich gesagt auch nicht so viel einzigartiger ist. Was ich schon mal seltsam finde: er gibt den Mädels sofort Kosenamen. Börk. Also, ich bin voll für Kosenamen, wenn man eine gemeinsame Geschichte hat auf die sie aufbauen können. Aber nicht von irgendwem den man noch nicht getroffen hat. Und die sehr antiklimaktische Überraschung: Aspen taucht wieder auf. Wäre ja sonst keine Spannung da.

Nette, seichte Unterhaltung

Selection ist dann nette, seichte Unterhaltung. Maxon geht auf Dates, es gibt etwas Zickenkrieg, America freundet sich mit ihren Zofen an und ist natürlich ständig hin- und hergerissen zwischen Maxon und Aspen. Der König kann America nicht ausstehen, sie ihn auch nicht. Und nebenher hören wir von zwei Rebellengruppen die immer mal wieder den Palast angreifen. Das einzige was dann passiert ist, dass alle Mädels „in Sicherheit“ gebracht werden, dort vor sich hin zittern und schließlich wieder vorgeholt werden. Wir sehen also genau null Spannung.

Nach Band 1 dachte ich noch: okay, etwas Potential für eine spannende Entwicklung ist da. Die Rebellen wurden aufgebaut. Vielleicht gehört eines der Mädels ihnen an und macht was draus. Aspen und America schleichen die ganze Zeit miteinander herum, was zum Zeitpunkt der Selection Hochverrat ist. Auch politisch hätte sich vieles entwickeln können, da die Welt bisher nur sehr rudimentär aufgebaut wurde.

Langeweile ab Band 2: Selection – Die Elite

Band 2 der Selection Reihe: Die Elite

Band 2: Die Elite (Bildquelle)

Selection endet damit, dass Maxon sechs Mädels auswählt, die im Palast verbleiben sollen. Die Elite. America gehört natürlich dazu.

Band 2 ist dann ein sehr langatmiges, langgezogenes Hin und Her. Im Prinzip sehen wir immer wieder: sie will ihn, sie will ihn nicht. Und spätestens nach dem zweiten Sinneswandel wird es wirklich langweilig.

Erst ist sie schon soweit, dass sie Maxon heiraten möchte. Dann wird ihre beste Freundin ausgepeitscht weil sie während der Selection mit einem Palastwächter angebandelt hat. Das Resultat: America will Maxon doch nicht mehr. Danach erfährt sie, dass er sich um besagte Freundin gekümmert und sie mit einem Job versorgt hat. America will Maxon wieder. Sie sieht, wie er ein anderes Mädchen küsst. America will Maxon nicht mehr. Er erzählt, dass sein Vater ihn verprügelt. America will Maxon wieder.

Augenrollen pur

Das alles ist so vorhersehbar, dass echte Langeweile aufkommt. Ihre Gefühle werden so überdramatisiert, dass ich beim Hörbuch-Hören oft übermäßig mit den Augen rollen musste. Immer wieder meint sie auch, Aspen sei die bessere Wahl. Doch ganz ehrlich: Aspen ist immer noch so interessant wie Straßenstaub. Für mich ist überhaupt nicht klar, was sie an ihm findet. Klar kennt er sie gut, aber davon abgesehen hat er keine eigenen Charakteristiken. Maxon ist jetzt auch nicht der charismatischste Protagonist der je erdacht wurde, aber etwas interessanter kommt er schon daher.

Und dann ist da noch der eine Moment, der potentiell Spannung mitgebracht hat. Maxon und der König reisen nach New Asia und plötzlich hört man nichts mehr von ihnen. Das Potential ist da – lasst ihn etwas erleben! Lasst ihn kämpfen, auf Rebellen treffen, etwas von seinem Vater lernen, was auch immer! Aber nein. Es ist rein gar nichts passiert und sie kehren ohne spannende Geschichten zurück.

Auch hier gibt es wieder Angriffe der Rebellen und auch hier hat das praktisch keine Auswirkungen auf America, die Mädels oder die Königsfamilie.

Wo ich nach Band 1 noch dachte, wir erfahren mehr über die Welt und die Politik, bleibt das alles sehr flach. Die anderen Charaktere, die stärker hätten charakterisiert werden können, bleiben ebenso an der Oberfläche. Ja, wir erfahren in direkten Beschreibungen mehr über sie und ihre Familien. Nein, mehr wird hier trotzdem nicht charakterisiert.

Band 3 Selection – Die Erwählte: Noch mehr von demselben

Der letzte Band ist schließlich das langweilige Finale für eine immer schlechter werdende Buchreihe. Für 90 Prozent des Buches geht es genauso weiter wie im vorigen Band. Sie liebt ihn, sie liebt ihn nicht. Das unheimlich gekünstelte Liebesdreieck muss aufrecht erhalten werden. Gibt es überhaupt jemanden, der für Team Aspen wäre?

Immer wieder lesen wir dröge Beschreibungen des Alltags und von Americas Unsicherheiten. Ihre Kleider werden viel zu genau beschrieben und ständig müssen wir lesen, wie „toll“ sie ihre Zofen behandelt. Obwohl, ganz ehrlich, sehe ich das nicht so. Okay, sie redet mit ihnen als ob sie menschliche Wesen sind, trotzdem ist sie teilweise ganz schön arrogant zu ihnen. Auch hier liest man wieder viel direkte Beschreibung – wie oft erwähnen Charaktere noch im Buch, wie toll sie sich mit ihrem Personal versteht? Während die tatsächlichen Situationen mir darüber nicht so viel Aufschluss geben.

Und dann das Ende.

Das Ende = extrem unterwältigend

Cover von Selection Band 3

Band 3: Die Erwählte (Bildquelle)

Das Gute daran: ja, es gibt mal ein kleines bisschen Action. Wir sehen einen Angriff der Rebellen und dieser fordert auch Opfer. Doch die Hälfte der tatsächlichen Action passiert so, dass America es nicht miterlebt.

Erst als alles vorbei ist kommt Maxon zu ihr und ERZÄHLT ihr, was passiert ist. Und wie praktisch: den einen „Bösewicht“ der ihnen im Weg stand haben die Rebellen getötet. Ohne dass einer von ihnen überhaupt etwas tun musste. Yay. Alle Probleme gelöst ohne die Charaktere in irgendeiner Weise nützlich sein zu lassen.

Tada. Der König ist tot, es lebe König Maxon. Und nachdem er America eigentlich schon nach Hause geschickt hatte, will er sie jetzt natürlich heiraten. Und noch praktischer: das mit Aspen hat sich jetzt auch gelöst. Der will America ja doch nicht für sich haben, sondern nur dass sie glücklich ist. Nein wie schön. Das löst sich ja alles so schön auf wie in einem Kinderbuch.

Friede Freude Disney-Ende

Um es kurz zu sagen: das Ende hat mich wirklich enttäuscht. Denn das Leben ist kein Kinderbuch. Es gibt nicht für jeden das Happily Ever After. Und auch wenn hier Charaktere getötet wurden, die man nicht schrecklich fand, war es doch zu nah am Disney-Märchen-Ende dran.

 

Warum habe ich überhaupt die Geschichte zu Ende verfolgt, wenn ich sie so schrecklich finde? Nun, zum einen mag ich es nicht, das Ende – egal wie vorhersehbar – nicht zu kennen. Ich hatte auch viel Gutes über die Reihe gehört und dadurch Gutes erwartet. Und: die Hörbücher haben sich wirklich schnell weggehört. Band 1 habe ich innerhalb eines Tages gehört. Aber es gilt auch, was ich vorher geschrieben habe: wären sie für mich nicht kostenlos gewesen, hätte ich spätestens nach Band 2 abgebrochen.

Das zeigt immerhin: der Schreibstil selbst ist nicht schlecht. Kiera Cass schreibt sehr eingängig und – im Englischen – auch einfach zu lesen. Die Ausschnitte die ich im Deutschen gelesen habe, klangen schon eher stelziger und für mich etwas anstrengend. Außerdem war die Hörbuchsprecherin gut gewählt und angenehm zu hören.

Nicht viel Gutes

Soweit das Positive. Das Negative war neben dem Plot auch das Frauenbild und der Aufbau der Welt. Letzterer war nämlich kaum vorhanden. Bis auf rudimentäre Informationen erfahren wir fast gar nichts. Und hey, wir sind im Königshaus – wo könnte man mehr über eine Welt lernen als in dessen Königsfamilie? Es gibt eine Stelle an der sagt Aspen sinngemäß „Ich weiß zwar nichts darüber wie es früher war, aber ich habe das Gefühl, wir haben es besser als früher“. Mein Gedanke dazu: eine sehr amerikanische Einstellung.

Das Liebesdreieck war extrem aufgezwungen, das Hin und Her bei America war sehr überdramatisiert. Die Charaktere wurden nicht gut charakterisiert, Spannung kam nicht auf, das Ende war vorhersehbar und schlecht umgesetzt. Beschreibungen erfolgten immer direkt, während indirekte Charakterisierungen hier eher gegensätzlich wirkten.

 

Selection ist nichts für Leute die folgendes gerne lesen:

  • tiefgründige Liebesgeschichten
  • gut gemachte Dreiecksbeziehungen
  • spannende Handlungsverläufe
  • emanzipierte Charaktere
  • eine komplexe (mitunter dystopische) Welt
  • überzeugend charakterisierte Figuren
  • interessante politische Machtspiele

 

Alle anderen – versucht es ruhig. Im besten Fall mögt ihr die Bücher. Auf Goodreads haben alle drei Bücher im Schnitt immer knapp über vier Sterne.

 

Gibt es eine Buchreihe, die euch ähnlich unschön aufgestoßen ist? Oder kennt und mögt ihr die Selection Bücher? Wenn ja, hinterlasst mir doch gerne einen Kommentar was euch am meisten an ihnen überzeugt hat – ich höre gerne noch ergänzende Meinungen.

 

Mehr aus der Kategorie Ehrliche Meinung

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich stimme zu